Wechselmodell

 

Als Wechselmodell wird die hälftige Betreuung durch beide Elternteile bezeichnet. Da Mutter und Vater sich dabei gleichermaßen um das Kind kümmern, gibt es keine Barunterhaltspflicht mehr.

Das gängige Familienmodell war lange, dass der Mann arbeiten geht und die Frau sich um den Haushalt sowie um die Versorgung der Kinder kümmert. Die Mutter ging meist nur einer Teilzeitbeschäftigung nach, wenn überhaupt. Deshalb wurden bei einer Scheidung die Kinder in den meisten Fällen auch der Mutter für die nachehelichen Betreuung zugesprochen. Die Väter erhielten ein allgemeines Besucherrecht, welches ihnen erlaubte, die Kinder zu festgelegten Zeiten, meist am Wochenende, zu sich zu nehmen. Mit dem Wandel der Zeit haben sich die Gegebenheiten verändert und viele Frauen arbeiten nun ebenfalls im selben Umfang wie der Mann. Deshalb ist es heute nicht mehr selbstverständlich, dass die Kinder bei einer Trennung der Mutter zugesprochen werden. Immer mehr getrennte Eltern praktizieren das sog. Wechselmodell, bei dem sie sich die Betreuung des Kindes gleichmäßig teilen.

 

Was ist das Wechselmodell?

Das Wechselmodell ist eine immer häufiger auftretende Form der Kinderbetreuung nach einer Trennung bzw. Scheidung der Eltern. Es ist gegeben, wenn die Kinder keinen Betreuungsschwerpunkt bei nur einem Elternteil mehr haben, sondern beide Elternteile die Betreuung zu gleichen Teilen übernehmen. Der Aufenthalt der Kinder wechselt dann in vereinbarten Abständen zwischen den Wohnungen der beiden Elternteile. Manche Eltern belassen auch die Kinder immer in derselben Wohnung und Mutter und Vater wohnen abwechselnd dort. Da beim Wechselmodell beide Eltern ihrer Unterhaltspflicht in Form von Pflege und Betreuung nachkommen, entfällt die Barunterhaltspflicht vollständig. Es muss also kein Kindesunterhalt bezahlt werden. Das Kindergeld wird je nach Sachlage zwischen den Eltern aufgeteilt.
Das Wechselmodell wird auch als Paritätsmodell, paritätische Doppelresidenz oder Doppelresidenzmodell bezeichnet.

 

Zugewinnausgleich

Voraussetzungen müssen passen

Damit das Wechselmodell reibungslos funktionieren kann, müssen einige Voraussetzungen gegeben sein. Grundvoraussetzung ist natürlich, dass beide Eltern aus beruflicher Sicht auch in der Lage sein müssen, das Kind während der eigenen Betreuungszeit zu beaufsichtigen. Dafür nehmen manche Eltern auch einen Jobwechsel in Kauf, um Arbeit und Kinderbetreuung miteinander in Einklang zu bringen. Wird das Wechselmodell in Anwendung gebracht, sollten zudem die Wohnungen bzw. Wohnorte beider Elternteile nicht zu weit auseinanderliegen, im besten Fall liegen diese in der näheren Nachbarschaft. Andernfalls sollte ein Umzug in die nähere Umgebung der Kinder ins Auge gefasst werden. Denn beim Wechselmodell sollte den Kindern trotzdem ihr gewohntes Umfeld erhalten bleiben, der Alltag mit Freunden und Hobbys sollte nicht erschwert werden, Wege zur Schule sollten im Rahmen sein - kurz: das soziale Umfeld muss den Kindern immer erhalten bleiben.

 

Immer zugunsten der Kinder entscheiden

Familienhilfen sowie Sozialpädagogen sind der Meinung, dass das Wechselmodell für Kinder die beste Lösung nach Trennung oder Scheidung ist. Die Kinder haben nach einem solchen Ereignis oftmals große Probleme, mit den veränderten Verhältnissen fertig zu werden. Sie leiden unter dem Auseinanderbrechen der Familie. Das Wechselmodell ermöglicht, dass zumindest ähnliche Verhältnisse geschaffen werden. Die Kinder erhalten die Bindung zu beiden Elternteilen, was vor allem für die Kleineren im Alter unter 10 Jahren sehr wichtig ist. Des Weiteren können sie sich wie im Familienleben an beiden Erziehungsberechtigten orientieren.
Wird das Wechselmodell beschlossen, sollten beide Elternteile von Berufswegen in der Lage sein, ihre Betreuungszeiten auch einzuhalten. Kinder, die immer wieder zu den Großeltern gebracht werden oder von Tagesmüttern betreut werden, verlieren schnell die Orientierung. Das gilt vor allem für Kinder im Alter zwischen einem und vier Jahren. Neben der Orientierungslosigkeit leiden sie dann oft unter Konzentrationsschwächen und können in ihrer Entwicklung gestört werden.
Zudem muss den Kindern an beiden Betreuungspunkten ein echtes Zuhause geboten werden. Sie dürfen nicht das Gefühl bekommen, aus dem Koffer leben zu müssen und kein richtiges Zuhause mehr zu haben. Ein eigenes und kindgerecht eingerichtetes Zimmer sollte bei jedem Elternteil selbstverständlich sein. Bestenfalls steht ihnen in jedem Haushalt genügend Garderobe sowie Spielzeug zur Verfügung.
Damit es für die Kinder einfacher ist, können sich auch die Eltern zwei Wohnungen teilen. Die Kinder bleiben dann immer in derselben Wohnung, während die Eltern in den vereinbarten Zeitabständen zwischen beiden Wohnung wechseln. Dadurch erhalten die Kinder mehr Beständigkeit, allerdings werden auch von den Eltern mehr Zusammenarbeit und vor allem eine recht enorme Vertrauensbasis erfordert, damit diese Form des Wechselmodells klappt.

 

Einigkeit beim Wechselmodell

Oft ist das Verhältnis der beiden Elternteile nach einer Trennung oder Scheidung negativ behaftet. Diese Differenzen dürfen aber in keinem Fall auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden. Soll das Wechselmodell praktiziert werden, sollten sich beide Elternteile uneingeschränkt dazu bereit erklären. Um den dauernden Wechsel des Betreuungsstandpunktes problemlos zu bewältigen, müssen die Eltern unbedingt miteinander kooperieren. Denn nur wenn keine Konflikte auftreten, kann das Wechselmodell zum Wohlergehen der Kinder richtig durchgeführt werden. Daneben ist es auch wichtig, die Meinung der Kinder zum Wechselmodell einzuholen. Auch sie sollten damit einverstanden sein, vor allem wenn es sich um schon ältere Kinder handelt. Die Wünsche der Kinder auf geänderte Betreuungszeiten- und orte sollten berücksichtigt werden. Zudem sollte es den Kindern freigestellt sein, sich zu einem späteren Zeitpunkt gegen das Wechselmodell auszusprechen.

 

Kritik - Für und Wider

Das Wechselmodell ist nicht unumstritten. Es gibt absolute Verfechter des Wechselmodells, die diese Betreuungsform als einzig wahres Modell ansehen und ein verpflichtendes Wechselmodell bei der Trennung der Eltern befürworten. Daneben gibt es die absoluten Gegner des Wechselmodells, die eine solche Konstellation immer als höchst problematisch und das Kindeswohl gefährdet sehen. Während die Gegner des Wechselmodells unterstellen, der Barunterhaltspflichtige Elternteil wolle diese Betreuungsform nur ausführen um sich vor dem Kindesunterhalt zu drücken, werfen die Befürworter der Wechselmodells der anderen Seite vor, man wolle das Kind möglichst für sich alleine beanspruchen. Die Wahrheit liegt mit Sicherheit immer dazwischen und kommt auf die ganz individuellen Umstände der Trennungsfamilie an. Nicht allen getrennten Eltern ist es möglich, diese Lebensform zu praktizieren, schon berufliche Gründe können das verhindern. Ebenso kommt es auf die Wünsche der Kinder selbst an.

 

Literatur zum Wechselmodell

Wechselmodell

 

---> Eine Woche Mama, eine Woche Papa
von Ina Kiesewetter, Petra Wagner

 

Zwei Zuhause: Kinder können nach einer Trennung der Eltern bei beiden Elternteilen gleichberechtigt leben. Und zwar gut. Die Autorinnen stellen das Wechselmodell durch kurze Berichte aus der Realität dar. Anschließend werden diese von einem Kinderpsychologen, Familientherapeut und Anwalt kommentiert. Eine echte Hilfe für Eltern, die den tiefen inneren Wunsch ihrer Kinder, weder auf Mama noch auf Papa verzichten zu müssen, ernst nehmen und praxisnahe Orientierung suchen.

Die beiden Autorinnen leben das Wechselmodell mit ihren Kindern. Beide Frauen haben die Erfahrung gemacht, dass es den Kindern trotz Trennung der Eltern gut gehen kann, nämlich dann wenn die Kinder beide Elternteile haben.

 

Wechselmodell

 

---> Wechselmodell: Psychologie - Recht - Praxis: Abwechselnde Kinderbetreuung durch Eltern nach Trennung und Scheidung
von Hildegund Sünderhauf

Damit Kinder nach Trennung oder Scheidung ihrer Eltern eine gute tragfähige Beziehung zu Mutter und Vater behalten, entscheiden sich immer mehr Eltern für das sogenannte Wechsel-modell: Die Kinder leben abwechselnd bei Mutter und Vater. Dies wirft sowohl rechtliche als auch psychologische und pädagogische Fragen auf. Die Autorin stellt die Rechtslage sowie die Rechtsprechung zum Wechselmodell umfassend dar. Die internationale psychologische For-schung bietet interessante neue Erkenntnisse zu der Frage, ob diese Lebens- und Betreuungs-form für die kindliche Entwicklung gut ist. Hieraus werden die notwendigen Konsequenzen für die Rechtsprechung entwickelt sowie Vorschläge für die praktische Durchführung der Kinderbe-treuung im Wechselmodell.

 

Recht und Gesetz

In vielen Ländern ist das Wechselmodell schon gesetzlich verankert (z.B. Frankreich, Belgien, Italien, Tschechien, Slowakei, Dänemark, Schweden, Norwegen), in Deutschland gibt es noch keine gesetzliche Regelung zum Wechselmodell. Es gibt jedoch zahlreiche, teils höchstrichterlicher Urteile, die zwischenzeitlich zum Wechselmodell getroffen wurden. So wurde die Verteilung des Kindergeldes geregelt oder wie die Betreuung aufgeteilt sein muss damit die Barunterhaltspflicht entfällt. Eine gesetzliche Regelung in Deutschland ist bisher noch nicht in Sicht, was auf finanzpolitischen Gründen beruht.

 

 

Interessante Urteile zum Wechselmodell:

Wechselmodell nicht gegen den Willen eines Elternteils
(Oberlandesgericht Hamm am 16. Februar 2012 - AZ: II 2 UF 211/11)

Anordnung Wechselmodell gegen Elternwillen für das Kind
(OLG Brandenburg, Beschluss vom 31. 3. 2010 – 13 UF 41/09)

Wechselmodell = Teil des Umgangs- oder des Sorgerechts?
(OLG Brandenburg, Beschluss v. 07.06.2012 - 15 UF 314/11)

 

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