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Alleinerziehend im Ausland


Am 14. Juli 1968 wurde ich als letztes von fünf Kindern geboren. Meine Eltern sind gebürtige Deutsche (Vater in Würzburg und Mutter in Gumbinnen – Ostpreußen – geboren) und sind 1952 bzw. 1958 unabhängig voneinander nach Namibia ausgewandert.
Meine Kindheit verlebte ich in totaler Freiheit auf der Farm, sozusagen mitten im Busch (die nächsten Nachbarn lebten 10km entfernt). Die Farm liegt im zentralen Hochland von Namibia, 80km südwestlich von der Hauptstadt Windhoek. Zu meiner Kindheit bedeuteten die 80km locker 1,5 Stunden Fahrzeit, wegen dem Zustand der Straßen und der Autos – heute fährt man eine knappe Stunde. Der Preis für diese Freiheit auf der Farm war, daß ich zum Schulanfang mit sechs Jahren ins Internat in Windhoek mußte. Da dies jedoch normal war, und im Internat viele Farmkinder wohnten, war es weniger schlimm, als es sich anhört. Es war halt einfach so. In Windhoek lebte ich bis zum Abitur, dann ging ich für ein Jahr nach Deutschland, wo ich auf einem niedersächsischen Bauernhof gearbeitet habe. Im nächsten Jahr habe ich mein Zoologiestudium in Pretoria, Südafrika, angefangen. Neben dem Studium habe ich in den fünf Jahren in Pretoria hauptsächlich Volleyball gespielt. 1994 bin ich wieder nach Deutschland, wo ich zunächst als Tierpflegerin im Heidelberger Zoo gearbeitet habe. Im November 1994 habe ich mit meiner Promotion in Rostock angefangen. Seit August 1998 arbeite ich beim Ministrium für Fischerei in Namibia im Forschungsinstitut.

In meinem „Leben vor Dylan“ wie ich es immer nenne, habe ich neben der Arbeit meine Zeit mit Sport, Reisen und wilden Parties verbracht. Kinder wollte ich schon immer haben, aber halt noch nicht jetzt. Ich fand es allerdings eher unwahrscheinlich, daß ich jemals einen Partner finde, mit dem ich wirklich mein Leben teilen will. Hier in Namibia sind die Rollen doch noch sehr streng verteilt und mir hat ein Freund und Kollege mal ganz klar gesagt, daß eine promovierte Frau, die Marathon läuft, hier nie einen Partner findet. Ich war zufrieden, so wie es war und habe eigentlich nicht vermißt.
Im Januar 2003 habe ich dann festgestellt, daß ich schwanger bin. Mit Dylan’s Vater hatte ich nie eine Beziehung, eher eine sich ab und zu wiederholende Affaire ohne ernste Absichten (von beiden Seiten). Er ist auch deutschstämmig, allerdings nur von Vater’s Seite. Die Mutter is Engländerin, aber bei ihnen zuhause wurde Afrikans (sehr ähnlich wie holländisch und hier weit verbreitet) gesprochen. Die Eltern sind geschieden und beide wieder verheiratet, so daß es eine große Familie mit vielen Stiefgeschwistern (insgesamt acht) und leider auch vielen Problemen (Alkohol, Drogen) ist. Er selbst hat ein sehr distanziertes Verhältnis zum Rest seiner Familie.
Für mich war immer klar, daß ich das Kind behalten will, egal wie der Vater sich verhält. Allerdings wußte ich auch, daß Alleinerziehende, die von Beginn an alleine sind, hier eher die Ausnahme sind. Dazu kommt, daß fast alle meiner guten Freunde kinderlos waren zu dem Zeitpunkt. Naja, meine Entscheidung stand fest und die Reaktion der Leute war dann doch sehr viel positiver, als ich erwartet hatte. Die zugesagte Unterstützung vom Vater war leider nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte und wir hatten während der Schwangerschaft wenig Kontakt, obwohl wir uns öfter mal über den Weg gelaufen sind. Seine Unterstützung war immer nur, da, wenn es ihm passte (z.B. mitten in der Nacht, wenn er angetrunken war), nicht wenn ich sie brauchte. Gegen Ende der Schwangerschaft hat er mich einmal wöchentlich zur Geburtsvorbereitung begleitet, ansonsten hatten wir keinen Kontakt. Da ich einen geplanten Kaiserschnitt hatte (wegen Steißlage), blieb mir zum Glück die Entscheidung erspart, ob ich ihn bei der Geburt dabei haben will. Beim Kaiserschnitt (unter Vollnarkose) war er dabei.
Die ersten Monate hat er Dylan regelmäßig gesehen und ihn auch mal mitgenommen. Allerdings wußte ich nie, ob, wann und für wie lange er kommt. Mal stand er jeden Tag vor der Tür, dann wieder drei Wochen gar nicht. Selbst als Dylan im Krankenhaus war, kam er nur sporadisch vorbei, wenn er gerade in der Nähe war. Solange ich nicht gearbeitet habe, habe ich mir diese Unregelmäßigkeiten gefallen lassen, habe aber mehrmals erwähnt, daß ich nicht glücklich damit bin. Als ich wieder zur Arbeit mußte brauchte ich dann mehr Gewissheit, doch die kam nicht. Und wenn ich mal etwas gesagt habe, wurden gleich die Schotten dicht gemacht. So kam es dann, daß ich mich seit April 2004 ganz allein um Dylan kümmere. Der Vater lebt inzwischen in Kapstadt, 1500km entfernt von uns.

Ich habe großes Glück, eine Tagesmutter für Dylan gefunden zu haben, die wie eine Oma für ihn ist. Seine Großi und er lieben sich über alles und sie nimmt ihn auch mal über Nacht, wenn ich etwas vorhabe. Staatlich Unterstützung gibt es hier bei uns gar nicht. Das erspart einem natürlich den Stress mit den Ämtern, allerdings habe ich keine andere Wahl, als arbeiten zu gehen (was ich sehr gerne mache). Der Vater zahlt freiwillig, doch auch wenn er es nicht täte, hätte ich ihn nie vor Gericht geschleppt.
So ab Anfang/Mitte 2004 ging es mir dann richtig schlecht, denn ich hatte außer Arbeit und Kind nichts, wurde richtig depressiv. Die Familie von Dylan’s Vater hat sich mir gegenüber auch nicht gerade nett verhalten, mir viele Lügen erzählt, Vorwürfe gemacht usw. Mit Hilfe von Medikamenten (gegen Depressionen), habe ich es dann zum Glück aus dem Loch geschafft. Der wichtigste Schachzug war, daß ich wieder mit dem Joggen angefangen habe – immer in meiner Mittagspause, denn da war (und ist) Dylan ja sowieso bei seiner Großi. Außerdem habe ich gelernt, klingelnde Telefone einfach zu ignorieren, unangemeldeten Besuch vor der Tür stehen zu lassen usw. Ich muss aber sagen, daß ich viel Unterstützung  von Freunden hatte, aber auch erst lernen mußte, diese Hilfe anzunehmen. Meine Familie  (Eltern und vier Geschwister, alle mit Kindern, mit denen ich ein gutes Verhältnis habe) lebt 400km entfernt, konnte mir also auch nicht wirklich helfen.
Da ich immer ein sehr eigenständiger und unabhäbgiger Mensch war, war die Umstellung für mich ziemlich hart. „Ich gehe mal eben...“ konnte ich aus meinem Wortschatz streichen, ohne Planung ging gar nichts mehr. Es war nicht das Ausgehen und Feiern, was ich vermißt habe, davon hatte ich mehr als genug in meinem Leben – aber einfach mal joggen gehen, oder schnell einkaufen. Auf der anderen Seite hat die Freude, die ich mit Dylan von Beginn an hatte, auch in der schweren Zeit, mir immer wieder Kraft gegeben.

Tja, und heute bin ich sehr glücklich und werde von meinen kinderlosen Freunden beneidet. Bei erschreckend vielen meiner Freunde ist der Kinderwunsch bisher unerfüllt geblieben. Dylan ist mein Sonnenschein und ich bin jeden Tag dankbar dafür, daß dieser „Unfall“ passiert ist.  Das Leben mit Kind ist anders, aber nicht schlechter. Natürlich ist es nicht immer leicht, Kind und Beruf unter ein Hut zu kriegen, aber bisher hat es geklappt und Dylan ist im Kreise der Meersbiologen und Läufer schon bekannt, da ich ihn oft mitgenommen habe zu Veranstaltungen. Und wenn ich dann wirklich mal ohne ihn weg muß, weiß ich ihn bei seiner Großi in den besten Händen.

 

 

by Anja

 

 

 

 

 

 

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